Sie sind hier: Home / Norwegen 1992 / Reisebericht
DeutschEnglishFrancais
23.11.2017 : 12:24 : +0100

Reisebericht Norwegen 1992

Auf den ersten Blick scheint Norwegen nicht gerade das ideale Land für einen Fahrradurlaub zu sein, bedenke man die durchschnittlich 11 Regentage während den Monaten Juni und August und die 13 Regentage im Monat Juli. Dazu kommen noch die täglichen Maximaltemperaturen von ca. 17 Grad Celsius sowie der, für Radtouristen nicht gerade ideale Relief. Im Süden sowie im Westen Norwegens finden die RadlerInnen einige Steigungen, die auch gewisse Anforderungen an den physischen Zustand stellen.

 

Doch es gibt auch die schönen Seiten. Die abwechslungsreiche Landschaft mit ihren langgestreckten Fjorden, die flachen Uferstreifen auf den Lofoten, die zum Campieren einladen, sowie die dünnbesiedelten Regionen für Freiheitsliebende. Fahrradurlaub stellt für den Touristen die faszinierendste Art dar, Norwegen kennenzulernen.

 

Unsere Reise brachte uns vom Nordkap zu dem 1800 Kilometer südlicher gelegenen Trondheim, der drittgrössten Stadt Norwegens.

 

Die Reise ans Nordkap kostete uns nur 2 Tage. Per Flugzeug ging's über Oslo, Trondheim, Tromsö (wo wir übernachteten), Hammerfest nach Honningsvag. Von dort sind es gerade noch 34 Kilometer zum nördlichsten Punkt Europas, dem Nordkap. Die norwegische Fluggesellschaft "Wideröe" meinte es mit mir jedoch nicht gut. Da mein Fahrrad angeblich zu gross und sperrig war, wurde es im 800 km entfernten Tromsö gelassen. Die Ankunftszeit meines Drahtesels war um 8 Stunden verschoben worden.

 

Um 17.00 Uhr ging's dann aber los. Die 34 km ans Nordkap konnten in Angriff genommen werden. Die zu 60 % mit Schotter bedeckte Strasse war recht beschwerlich, nach 2h 40min war jedoch auch das geschafft. Ein immer noch strahlend blauer Himmel hiess uns am Nordkap willkommen. Nach einer kurzen Verhandlung mit dem Billettverkäufer konnte ich den Eintrittspreis von 90 auf 45 NOK herunterhandeln, was etwa Fr. 10.-- entspricht.

 

Nachdem wir das Zelt direkt am Nordkap aufgestellt hatten, konnten wir in Ruhe die Anlage besichtigen, die von der Skandinavischen Fluggesellschaft aufgebaut worden war.

 

Ein unterirdisches Felsrestaurant, eine künstliche Höhle mit Panoramafenster sowie ein 180 Grad-Kino für Leinwandidyllen der Finnmark sorgen für einen angenehmen Aufenthalt am Nordkap. Werden erst die geplante Gondelbahn und die U-Boot-Ausflüge realisiert ,wird das Nordkap natürlich für viele Touristen ein Traumziel. Aus einem geografischen Punkt wird ein profitorientiertes Projekt werden. Abenteuer a la carte.

 

Eine zweitägige Fahrt im Regen brachte uns nach Alta, wo wir infolge Müdigkeitserscheinung unser Zelt mitten im Stadtpark aufschlugen. Es war äusserst gemütlich, abgesehen von den vielen Mücken und der lärmigen Hauptstrasse nebenan.

 

Zur Abwechslung begrüsste uns am nächsten Morgen ein strahlend blauer Himmel. Also, nichts wie los. Doch ich litt unter akuter Appetitlosigkeit sowie starken Bauchschmerzen. Zum Morgenessen gab es für mich deshalb nichts, respektive ich konnte nichts essen. Doch dies ist auf einer Velotour nicht gerade ideal. Meine Kräfte liessen bald nach. Also klopfte ich auf einer Raststätte an die Türe eines Wohnmobiles und fragte nach einem bauchschmerzenlindernden Medikament. Der deutsche Tourist brachte mir ein Aspirin (ich wusste gar nicht, dass dies gegen Bauchschmerzen gut sein soll!). Doch nach einer Stunde war ich schon wieder bei bester Gesundheit und konnte beim Mittagessen meine Ration von 200 Gramm Spaghetti Napoli hinunterschlingen.

 

Nach 130 Kilometern bei strömendem Regen und klirrender Kälte (ich musste meine langen Fingerhandschuhe anziehen) kamen wir abends um 9 Uhr auf einem Campingplatz an, wo wir eine Blockhütte gemietet hatten. Man kann praktisch auf jedem Zeltplatz gemütliche Blockhütten mieten. Die kosten meistens ungefähr Fr. 40.--. Wie überall mussten wir zuerst ein Formular ausfüllen. Dies war jedoch nicht mehr möglich, der Bleistift rutsche mir zwischen den steiffgefrorenen Fingern hindurch.

 

Nach zwei weiteren Regentagen hatten wir eigentlich genug vom schlechten Wetter. Nach nun acht Reisetagen hatte es an sechs geregnet. Völlig deprimierend! Vor allem wenn man mittags im Regen auf einer Bank sitzt, seine Suppe hinunterschlürft und nebenan in ein warmes gemütliches Wohnmobil schaut. In solchen Momenten ist man sich wahrhaft nicht sicher, ob man mit dem Velo das richtige Verkehrsmittel gewählt hat. Doch auf Regen folgt meistens wieder Sonnenschein.

 

Kaum waren wir auf den Lofoten angekommen, einer Inselgruppe im Westen Norwegens, brach die Sonne hinter den dunklen Wolken hervor. Wir lernten nun doch noch das sonnige Norwegen kennen, auch wenn es nur für zweieinhalb Tage war. Die Lofoten setzen sich aus fünf grossen und vielen kleinen Inseln zusammen. Früher verkehrten häufig Fähren zwischen den verschiedenen Inseln, heute sind diese durch Brücken oder Tunnels ersetzt worden. An einem traumhaften Strand schlugen wir das Zelt in der 11. Nacht auf.

 

Ein wunderschöner "fast" Sonnenuntergang (dank der Mitternachtssonne ging die Sonne nicht ganz unter) rundete diese Schönwetterperiode auf den Lofoten ab. Kaum hatten wir die Fähre nach Bodö bestiegen, begann es wieder zu regnen. Fast jeden Tag trafen wir aus der entgegenkommenden Richtung Radfahrer aus Deutschland, Frankreich, Holland und sogar Australien an.

 

Durch den Informationsaustausch vernahmen wir, dass irgendwo in den nächsten Etappen eine Fährverbindung eingestellt worden war. Da wir nirgends Informationen über die nächste Fährverbindung bekamen, beschlossen wir, für eine Station die Hurtigrute zu besteigen. Die Hurtigrute ist eine Schiffsverbindung, die die gesamte norwegische Küste täglich befährt. Da das Schiff morgens um 4 Uhr auslief, und sich die Bezahlung ei ner Uebernachtung nicht rentierte, breiteten wir den Schlafsack kurzerhand auf einer Sitzbank im Hafenareal aus. Die Nachtruhe dauerte jedoch keine halbe Stunde, denn es begann wieder zu regnen. Mit Daunenschlafsäcken im Regen ist nicht zu spassen. Die Trocknungszeit beträgt ein paar Tage. Also packten wir alles zusammen und suchten einen gedeckten, tunnelähnlichen Unterschlupf. Dort liess es sich wenigstens im Trockenen schlafen. Dafür windete es umsomehr.

 

Die nächsten Tage fuhren wir auf der Strasse R 17 südwärts. Diese Strasse, auch als Küstenstrasse bekannt, verdient meines Erachtens ein grosses Lob. Der Verkehr ist weit weg auf der E6, einer Hauptstrasse im Landesinnern. Die Küstenstrasse verläuft relativ direkt am Meer entlang. Die Fjorde können mit Fähren überquert werden, die durchschnittlich alle 2- 3 Stunden fahren. Einzig die Fähre von Stockvagen nach Nesna wurde eingestellt. Wir mussten einen Umweg von über 60 Kilometern in Kauf nehmen. Dies bei klirrender Kälte, Gegenwind und Regen!

 

Die letzte Nacht vor unserem Ziel stellten wir uns gemütlich vor. Wir wollten auf einem Camping­platz eine Blockhütte mieten und die letzte Nacht in der Wärme geniessen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Als wir an den Ort kamen, wo eigentlich der Campingplatz sein sollte, war nichts! Trondheim war 60 Kilometer entfernt und der nächste Ort, wo man ein Zelt hätte aufstellen können, befand sich entweder 15 Kilometer hinter uns oder 30 Kilometer vor uns. Da links ein Fjord war und rechts Gebirge, blieb uns nichts weiter übrig als weiterzufahren. Zuerst wollten wir bis Trondheim durchfahren. Die Ankunftszeit berechneten wir auf 4.00 Uhr morgens. Nach 112 Kilometern machte sich langsam der Hunger bemerkbar. Nachdem wir 500 Gramm Spaghetti "verdrückt" hatten, stellte sich die Frage, ob wir die Strecke bis Trondheim wirklich noch diese Nacht hinter uns bringen sollten. Ich hatte eigentlich genug vom Radfahren und wollte mich in meinen warmen Schlafsack rollen. Also mussten wir uns etwas einfallen lassen.

 

Nachdem wir den Campingtisch abgeräumt hatten, spannten wir kurzerhand das Aussenzelt über den Tisch und beschwerten es mit Steinen. Der Boden war so felsig, dass wir keine Heringe einschlagen konnten. Um 23.00 Uhr war es endlich soweit. Wir konnten in unsere Schlafsäcke kriechen. Plötzlich begann es zu regnen. Unser Provisorium war jedoch überhaupt nicht für Regen geeignet, sodass wir bald einmal nasse Schlafsäcke hatten. Im weiteren flogen auch sämtliche Insekten im Umkreise von 10 km unter unseren Campingtisch. Um 4.00 Uhr morgens, als die Insekten eine Invasion gegen uns starteten, entschieden wir uns für einen kampflosen Rückzug. Wir packten unsere Sachen zusammen und fuhren todmüde weiter.

 

Nach 2 Stunden Fahrt im Regen und bei Temperaturen, die einen eher an die Winterferien erinnerten, braute ich uns einen heissen Tee und wir assen das wohlverdiente Frühstück. Um 11.00 Uhr, nach 75 Kilometer Fahrt, befanden wir uns bereits vor der letzen Fährüberfahrt nach Trondheim.

 

Das Pech verfolgte uns jedoch noch ein letztes mal! 100 Meter vor der Ablegestelle zerplatzte nämlich der hintere Pneu von Michael und zerriss die Felge. Ein recht eindrückliches Bild. Zum Glück reagierte Michael geistesgegenwärtige, sodass er einen schweren Unfall verhindern konnte.

 

Zum Schluss verbrachten wir noch 2 erholsame Tage in Trondheim.